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Der Münster-«Tatort» wird 20: Deutschlands populärster Krimi

Beim Publikum äußerst beliebt: die «Tatort»-Kommissare Jan Josef Liefers (r) als Prof. Karl-Friedrich Boerne und Axel Prahl als Frank Thiel. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Guido Kirchner/dpa)
Die Krimikomödien aus Münster mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers sind die mit Abstand beliebtesten «Tatorte» und gefühlt das letzte fiktionale TV-Lagerfeuer. Bald steht der 20. Geburtstag an.

Sie müssen irgendwie miteinander zurechtkommen: der aus Hamburg stammende untersetzte, maulfaule Hauptkommissar und FC-St.-Pauli-Fan Frank Thiel und der eloquent-elegante aber auch blasiert-arrogante Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne.

Zusammen bilden sie das Team des Münster-«Tatorts», den es 2022 schon 20 Jahre gibt. Am 16. Januar kommt der 40. Fall. In dem Film «Des Teufels langer Atem» erleidet Thiel eine Amnesie. Dem Westdeutschen Rundfunk zufolge sollen im Jubiläumsjahr drei neue Krimis zur Ausstrahlung im Ersten der ARD bereit stehen.

Seit Jahren ist der Münster-«Tatort» vom WDR mit Axel Prahl (61) und Jan Josef Liefers (57) in den Hauptrollen immer wieder Deutschlands meistgesehener Fernsehfilm des Jahres. Die Episode «Fangschuss» sahen 2017 bei ihrer Erstausstrahlung sogar etwa 14,6 Millionen Zuschauer.

Das ist bis heute die höchste Zuschauerzahl für einen TV-Film seit 1992. Anfang der 90er holten noch «Tatort»-Ermittler wie Stoever und Brockmöller (Manfred Krug und Charles Brauer) oder auch Schimanski (Götz George) mehr Menschen vor die Mattscheibe als Münster heute.

Aber das war freilich auch noch eine Zeit ohne Internet und Smartphone und die vielen anderen Bewegtbildangebote von heute.

Der zweiterfolgreichste Münster-«Tatort» war übrigens keiner aus der Zeit vor Youtube und Instagram, also aus der Anfangszeit des Münster-Teams, sondern die einzige Episode des Jahres 2021.

Gut 14,2 Millionen sahen am 2. Mai den Klamauk-Krimi «Rhythm and Love» über freie Liebe, Eifersüchteleien und eine Biokommune. Man muss allerdings auch zur Einordnung sagen, dass der Film in die Wochen von coronabedingten nächtlichen Ausgangsbeschränkungen fiel.

Seit 2002 kommen pro Jahr zwei «Tatort»-Krimis aus Münster. 2021 war erst das zweite Jahr nach 2018 mit nur einem neuen Fall des Teams.

Der erste Münster-«Tatort» wurde am 20. Oktober 2002 ausgestrahlt, der zweite schon sechs Wochen danach (1.12.2002).

39 Episoden gab es bislang. Der Kult um Thiel und Boerne entstand nach und nach. Erst Ende 2008 hatte der Münster-«Tatort» erstmals mehr als 10 Millionen Zuschauer; seit 2010 schaffte das dann aber jeder neue Fall im Ersten. Seit 2013 hatte jede neue Episode sogar mehr als 12 Millionen TV-Zuschauer, manche gar über 14 Millionen.

Dies ließ auch Überdruss entstehen. Vor zehn Jahren schon ätzte die Moderatorin Sarah Kuttner, damals Anfang dreißig, im «Spiegel» über den «Tatort»-Hype: «Das ist das neue Ding, was wir coolen Leute seit einiger Zeit schauen müssen. Eine Art neue Spießigkeit. Ich finde diese Krimis furchtbar altbacken und öde. Nichts ist schlimmer als der Satz: Der beste „Tatort“ ist der Münsteraner.»

Das ändert aber nichts am Event-Charakter der Krimis aus Münster, der auch von seinen anderen Figuren lebt wie Thiels «Vadder», dem Alt-68er und Taxifahrer Herbert (Claus Dieter Clausnitzer), der stark rauchenden Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (die stimmgewaltige Mechthild Großmann) und natürlich Boernes kleinwüchsiger Assistentin Silke Haller, genannt «Alberich» (Christine Urspruch).

Die durchschnittliche Zuschauerzahl von «Tatort»-Erstausstrahlungen liegt bei rund neun Millionen. Doch wenn der Münster-Krimi kommt, wird der Sonntagabend bei weiteren drei bis fünf Millionen Leute zum «Tatort»-Abend. Ein TV-Lagerfeuer der Nation, auch wenn bei den Filmen Komik oft Logik schlägt, manche die Drehbücher gar bräsig finden, etwa wenn Roland Kaiser in einer Gastrolle («Summ, Summ, Summ», 2013) als Schlagersänger den – höhö – Namen Roman König trägt.

Ein weiteres Erfolgsgeheimnis dürfte die deutsche Liebe zur Provinz sein. Entgegen mancher Wahrnehmung in Medien und Öffentlichkeit besteht die Bundesrepublik nicht nur aus Metropolen wie Berlin, Hamburg, München, sondern eben auch aus den kleineren Großstädten und Städten sowie natürlich der Landbevölkerung.

Die beschauliche Fahrrad- und Studentenstadt Münster liegt auf Platz 20 in der Liste der deutschen Großstädte – hinter Wuppertal, Bielefeld und Bonn; und vor Mannheim, Karlsruhe und Augsburg.

Sie repräsentiert das Land wahrscheinlich mehr als zum Beispiel Köln, Stuttgart und Frankfurt und deren oft auf relevant gebürstete, gesellschaftskritische «Tatorte» es schaffen.

Das Feuilleton kann noch so schimpfen über die Krimis aus dem Münsterland – viele TV-Zuschauer fühlen sich offensichtlich gut abgeholt und bestens unterhalten von den Filmen.

Und auch wenn die Hauptdarsteller Prahl und Liefers privat in Berlin leben: Die Drehbücher feiern die (sogenannte) Provinz. Mit ihren Witzchen und Klischees sind sie ein Sittenbild deutscher Befindlichkeit und die Figuren haben hohen Wiedererkennungswert.

Von Gregor Tholl, dpa